Mailand

Mai|land:
italienische Stadt.

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Mailand,
 
italienisch Milano,  
 1) Hauptstadt der Provinz Mailand und der Region Lombardei, Italien, 100-130 m über dem Meeresspiegel, in der nördlichen Poebene, mit 1,31 Mio. Einwohnern, zweitgrößte Stadt Italiens. Sitz eines Erzbischofs; staatliche und katholische Universität, Handelshochschule, Polytechnikum, Kunst-, Musikakademie, Fachschulen, wissenschaftliche Institute, Museen (Pinacoteca di Brera, Museo Poldi Pezzoli, Pinacoteca Ambrosiana u. a.), Bibliotheken (Brera, Ambrosiana u. a.) und Theater (Teatro alla Scala, Piccolo Teatro u. a.).
 
Mailand ist die bedeutendste Wirtschaftsmetropole Italiens (rd. 800 000 Industriebeschäftigte, 500 000 Pendler), erbringt etwa ¼ des Gesamteinkommens Italiens. Das Schwergewicht in der Industrie liegt auf den Metall verarbeitenden Betrieben und im Maschinenbau (Kraftfahrzeuge, Flugzeuge, Eisenbahnfahrzeuge, Motoren, Generatoren, Maschinen aller Art), gefolgt von der Textil- und Bekleidungsindustrie, der chemischen Industrie (in der Nähe vier Raffinerien), dem Baugewerbe, der Elektro-, Gummi-, Nahrungsmittel-, Papier- und Möbelindustrie; zudem ist Mailand italienisches Druckerei- und Verlagszentrum. Die wirtschaftliche Sonderstellung der Stadt wird durch viele Banken, Versicherungsgesellschaften, Handelshäuser, Stammsitze großer Industriekonzerne, Konsulate und Handelskammern in der City, durch die Börse und durch mehrere bedeutende internationale Messen (Fiera Campionaria) unterstrichen. Die internationale Kunst- und Antiquitätenmesse »Internazionale dell'Antiquariato« findet seit 1995 jährlich statt. Mailand liegt am Schnittpunkt der wichtigen norditalienischen Eisenbahnen, Autobahnen, Straßen und Kanäle; zwei internationale Flughäfen (Linate, Malpensa); weiterer Ausbau der U-Bahn.
 
 
Von der römischen Siedlung Mediolanum, deren Forum im Umriss der heutigen Piazza San Sepolcro bewahrt ist, sind nur wenige sichtbare Reste erhalten. Die mittelalterliche Stadtbefestigung (drei von ehemalig 18 Toren erhalten) wurde infolge rascher Bevölkerungszunahme im 16./17. Jahrhundert durch eine bastionsartige Mauer ersetzt, beiderseits des Castello Sforzesco beginnend (ehemalige Residenzfestung F. Sforzas, Neubau seit 1450; im 19. Jahrhundert restauriert; heute Museo Civico mit umfangreicher Kunstsammlung).
 
Zentrum von Mailand ist der gotische Stadtkern um die Piazza Mercanti (1228-51 angelegt) mit mehreren Gebäuden des 13.-16. Jahrhunderts (u. a. Palazzo della Ragione oder Broletto Nuovo, Casa Panigarola, Loggia degli Osii, Palazzo dei Giureconsulti) und die Piazza del Duomo mit dem Wahrzeichen der Stadt, dem Dom Santa Maria Nascente. Er wurde 1386 begonnen (über mehreren Vorgängerbauten errichtet, deren Reste unterhalb des Domplatzes freigelegt wurden), 1572 geweiht (Fassade im 19. Jahrhundert vollendet) und ist eine der größten Kirchen der Gotik. Die fünfschiffige Basilika mit dreischiffigem Querhaus ist marmorverkleidet; im Innern zahlreiche Kunstwerke, u. a. der siebenarmige Trivulzio-Kandelaber (12./13. Jahrhundert; ein 5 m hoher Bronzeleuchter). Am Domplatz der klassizistische Bau (1771-78) des Palazzo Reale (ursprünglich 12. Jahrhundert, mehrfach verändert; mit Palastkapelle San Gottardo und Dommuseum) und Palazzo Arcivescovile (Erzbischöflicher Palais, ursprünglich 13./14. Jahrhundert). Zu den ältesten Kirchen Mailands gehören der Zentralbau von San Lorenzo Maggiore (um 350/370 gegründet, im 12. und 16. Jahrhundert erneuert; frühchristliches Baptisterium mit Mosaiken, 5. Jahrhundert), Sant'Ambrogio (im 4. Jahrhundert gegründet, nach Veränderungen im 9. Jahrhundert im 11./12. Jahrhundert neu erbaut), eine dreischiffige Basilika ohne Querhaus mit lang gestrecktem Atrium im W. Zur Ausstattung gehören der Mailänder Goldaltar (Paliotto), ein Meisterwerk karolingischer Goldschmiedekunst (um 840); ein Altarbaldachin (frühes 12. Jahrhundert); die Marmorkanzel (12./13. Jahrhundert) sowie in der Grabkapelle San Vittore in Ciel d'Oro (5. Jahrhundert) ein frühchristlicher Mosaikzyklus; Sant'Eustorgio (im 4. Jahrhundert gegründet, jetziger Bau 12./13. Jahrhundert; hinter der Apsis die Portinari-Kapelle von Michelozzo, 1462-68). Santa Maria delle Grazie (UNESCO-Weltkulturerbe) besteht aus einem gotischen Langhaus und einem von Bramante 1492-97 angefügten Zentralbau im Osten (im Refektorium des ehemaligen Klosters das »Abendmahl« von Leonardo da Vinci, Restaurierung 1977 ff., seit 1995 wieder öffentlich zugänglich).
 
Unter den zahlreichen Palästen und Profanbauten sind zu erwähnen: Palazzo Belgioioso (1772-81, von G. Piermarini), Clerici (seit 1736 ausgebaut), Durini (1645-48), Litta (begonnen 1648, Fassade 1752-63), Poldi Pezzoli (Mitte 18. Jahrhundert; Museum), die Casa Leoni (1573), Villa Reale (1780-96; Galerie für moderne Kunst) und Ospedale Maggiore (Hospitalanlage, 1456 begonnen, seit 1954 Universitätsgebäude). Die Piazza della Scala mit Teatro alla Scala (1776-78) und Palazzo Marino (Rathaus; 1558 begonnen) ist mit dem Domplatz verbunden durch die fünfgeschossige Ladenpassage Galleria Vittorio Emanuele II (1867-77), einen Höhepunkt der Architektur des späten 19. Jahrhunderts Beispielhaft für den Jugendstil ist das Teatro Trianon (an der Piazza Liberty).
 
Entsprechend seiner Bedeutung als Standort internationaler Banken und Wirtschaftsunternehmen ist Mailand auch das italienische Zentrum der modernen Architektur und des Designs. Zu den wichtigsten Bauten des 20. Jahrhunderts gehören Werke von G. Terragni (Casa Rustici, 1934); L. Figini und G. Pollini (Kirche Madonna dei Poveri, 1952-54); I. Gardella (der als Erweiterungsbau der Galerie für moderne Kunst errichtete Pavillon für zeitgenössische Kunst, 1953/54; 1993 durch Bombenexplosion zerstört, bis 1996 nach seinem neuen Entwurf wieder aufgebaut); L. Belgioso, E. Peressutti, E. Rogers (Ausbau des Castello zum Museum, 1954-63; Hochhaus Torre Velasca, 1957-60); G. Ponti, P. L. Nervi (Torre Pirelli, 1955-59) sowie im südlichen Industrievorort Galaratese Wohnbauten (1967-73) von A. Rossi, C. Aymonino und V. Gregotti. Die Galleria della Triennale im Palazzo dell'Arte (1933) wurde durch Gae Aulenti und Umberto Riva modern umgebaut und 1994 wieder eröffnet. Im Rahmen des Urbanisierungsprojektes »Bicocca« entstand in einem ehemaligen Industrieviertel im Nordosten der Stadt ein modernes Büro- und Wohnviertel. Hier befindet sich auch der Neubau des Teatro degli Arcimboldi (eröffnet 19. Januar 2002, Entwurf: V. Gregotti), das u. a. als vorübergehendes Domizil für das Teatro alla Scala (Rekonstruktion 2002 ff.) dient. Der Neubau des Piccolo Teatro di Milano (Entwurf: Marco Zanuso) wurde 1998 fertig gestellt. - 7 km südöstlich von Mailand die Zisterzienserabtei Chiaravalle, 1135 von Clairvaux aus gegründet, die Abteikirche Santa Maria ist ursprünglich eine romanische Backsteinbasilika (12./13. Jahrhundert) mit hohem Vierungsturm (frühes 14. Jahrhundert). In der gotischen Kapelle der Abtei wurde 1989 ein Fresko freigelegt, bei dem es sich nach Meinung von Experten um ein Werk von H. Bosch (»Christus vor Pontius Pilatus«) handeln könnte.
 
 
Das antike Mediolanum, eine Gründung der keltischen Insubrer, wurde 222 v. Chr. von den Römern erobert. Diokletian machte die Stadt, seit der frühen Kaiserzeit bedeutender Verkehrsknotenpunkt sowie Kultur- und Bildungszentrum, zu einer der Residenzstädte des Reichs. Im Toleranzedikt von Mailand (313) wurde der christliche Kult den heidnischen Religionen gleichgestellt. Die Kirche von Mailand gewann im 4. Jahrhundert, besonders unter Ambrosius, eine gewisse Selbstständigkeit gegenüber dem Bischof von Rom, die in der ambrosianischen Liturgie fortlebt.
 
Im Frühmittelalter wurde Mailand nacheinander von Hunnen (452), Ostgoten (539) und Langobarden (569) erobert und kam 774 an das Fränkische Reich. Seit 961 wurde es von kaiserlichen Statthaltern, dann von den Erzbischöfen verwaltet. Die Auflehnung der Valvassoren und die revolutionäre Bewegung der Pataria um die Mitte des 11. Jahrhunderts leiteten das kommunale Zeitalter Mailands ein (1097 sind erstmals Konsuln bezeugt). Der im 12. Jahrhundert einsetzenden Expansion Mailands fielen zuerst Lodi und Como zum Opfer, die zusammen mit der erbittertsten Rivalin Mailands, Pavia, Kaiser Friedrich I. Barbarossa zu Hilfe riefen; trotz der Zerstörung 1162 übernahm Mailand schon wenige Jahre später die Führung des lombardischen Städtebundes (Lombardenbund). Der Übergang von der Kommune zur Signoria erfolgte nach heftigen Kämpfen besonders zwischen Guelfen und Ghibellinen, schließlich übernahmen die Visconti die Herrschaft (1277); es begann eine neue Expansionswelle (besonders unter dem 1395 zum Herzog erhobenen Giangaleazzo Visconti), die im 15. Jahrhundert zum Konflikt und wechselvollen Krieg mit Venedig führte. Nach dem Aussterben der Hauptlinie Visconti (1447) erlangte 1450 Francesco Sforza die Herrschaft, nachdem ein Versuch der Wiederherstellung alter Freiheit (»Ambrosianische Republik«) gescheitert war. Unter Ludovico Sforza (il Moro), seit 1480 Herzog, wurde in Mailand der Höhepunkt der Renaissancekultur erreicht. Gegen seine Nachfolger erhoben die französischen Könige Erbansprüche und brachten das Land 1499-1512, 1515-21 und 1524-25 in ihren Besitz; aber Spanien (Karl V.) zwang sie zum Verzicht. Als 1535 der letzte Sforza starb, kam das Herzogtum Mailand zunächst an die spanischen, 1714 an die österreichischen Habsburger; Mailand war seitdem Hauptstadt der Lombardei, 1797-1815 des napoleonischen Italien und 1815-59 des österreichischen Königreichs Lombardo-Venetien. Während des Risorgimento stand Mailand im Mittelpunkt der nationalen Bewegung. Der »Aufstand der fünf Tage« (18.-22. 3. 1848), der die Österreicher zeitweise aus Mailand vertrieb, und der sozialistische Putsch 1898 wirkten auf das ganze Land. In Mailand gründete B. Mussolini 1919 den ersten »Fascio di combattimento« (Faschismus).
 
 
Storia di Milano, hg. v. Fondazione Treccani degli Alfieri, 16 Bde. u. Index-Bd. (Mailand 1953-66);
 M. Bellonci: Milano viscontea (Turin 1956);
 P. Verri: Storia di Milano, 3 Bde. (Florenz 1962);
 H. Keller: Die soziale u. polit. Verf. M.s in den Anfängen des kommunalen Lebens, in: Histor. Ztschr., Bd. 211 (1970);
 E. Dalmasso: Milan. Capitale économique de l'Italie. Étude géographique (Paris 1971);
 
Milano, megalopoli padona, valli alpine, bearb. v. G. F. Battisti u. a. (Bologna 1977);
 N. John: M. (1992).
 
 2) Provinz in der Lombardei, Norditalien, 1 982 km2, 3,75 Mio. Einwohner.
 

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Mai|land: italienische Stadt.

Universal-Lexikon. 2012.

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